Annegret Erhard (taz vom 22.02.2016, Fotobuch)
Urbane Fassaden in heroischer Untersicht

Die Fotokünstlerin Heidi Specker hat sich auf ein herausforderndes Layout-Konzept aus den 1930er Jahren eingelassen

Am Anfang stand eine Entdeckung. Das Sammlerehepaar Ann und Jürgen Wilde stieß zu Beginn der siebziger Jahre auf die Maquette, das geklebte Dummy eines Fotobuchs aus dem Nachlass des Kunsthistorikers und Fotografen Franz Roh. Moi Wer, ein in Vergessenheit geratener Fotograf, Bauhausschüler und später Mitbegründer der israelischen Künstlerkolonie Safed, wollte zu Beginn der dreißiger Jahre unter dem Titel „ci-contre. 110 photos de moi wer“ seine im damals zeittypischen Stil – viel Vogelschau, viel Diagonale, viel Doppelbelichtung – aufgenommenen Stadt-Impressionen veröffentlichen. Doch erst Jahrzehnte später, 2004, vollendeten Ann und Jürgen Wilde seinen Plan, den Blick des Betrachters in der Gegenüberstellung der einzelnen Motive zu einem Essay zusammenzuführen.

Die in Berlin lebende, an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst lehrende Fotokünstlerin Heidi Specker hat nun diesen Gedanken aufgenommen und ein Künstlerbuch (“von einem Künstlerbuch spricht man, wenn es ein Künstler gemacht hat oder wenn er sagt, es sei eines“, postulierte Marcel Duchamps einmal lakonisch, den Hervorbringungen der eigenen Spezies gegenüber gewohnt respektlos) in formal engster Anlehnung gestaltet. „Formal“ meint tatsächlich die exakte Übernahme von Größe, Umfang und Anordnung der einzelnen Aufnahmen. Die Fotografien sind abfallend an den Rand gedruckt (oder auch nicht), in weißer Umrahmung stehende Fotos rutschen aus der Mitte (oder auch nicht); bei zwei auf einer Seite übereinander stehenden wird schon mal auf einen höflichen schmalen Steg dazwischen verzichtet. Dennoch entsteht keine Unruhe, vielmehr ein geometrisch ausgerichteter repetitiver Rhythmus.

Als gewagtes Schnittmuster bezeichnet Heidi Specker dieses äußerst flexible Raster, in dem die Inhalte der Bilder „interagieren, lebendig sind und im Ausdruck positiv dynamisch“. Für ihr Künstlerbuch „re-prise. 110 photos de heidi specker“ hat sie sich zunächst auf Moi Wers herausforderndes Konzept eingelassen, um dann eine zeitgemäße Erzählung zu entwickeln, die nicht zuletzt darauf beruht, dass sich der Begriff „Reprise“ unter anderem von der Musik herleitet und die Wiederholung eines Satzteils in anderer Tonart meint.

Wertfreie Flashes

Dementsprechend gibt es weder sentimentale Rückgriffe auf Lebensgefühl, Ästhetik und stilistische Errungenschaften der frühen dreißiger Jahre noch motivische Adaption. Sie hat mit Material aus dem eigenen Fundus komponiert. Das Spektrum reicht von Aufnahmen aus der Zeit, als Heidi Specker Villa-Massimo-Stipendiatin in Rom war, bis zum aktuellen Berliner Straßenmotiv.

Die Gegenüberstellungen auf den Doppelseiten funktio­nieren nicht über einheitliche Trigger; vereinzelt nur registriert man metaphorischen Tiefgang, etwa durch die wiederholt auftauchenden Tauben (Symbole der Unschuld, Ratten der Lüfte?) – das wäre dann auch ein zu manierierter Ansatz. Viel stärker fällt ein Dialog der Strukturen auf und das ausgeprägte Interesse Speckers an der präzisen Wiedergabe der unterschiedlichen Texturen ihrer Objekte: die fleckige Haut auf dem Handrücken neben dem durch einen harten Schnitt verletzten Mauerdetail, darunter der gepunktete Vorhang, dessen Unterkante über einem ebenfalls, aber anders gepunkteten Teppich schwebt. Das sind flashes,Augenblickswahrnehmungen, je nachdem wertfrei oder asso­zia­tiv dokumentiert und dem Betrachter zur Interpretation oder Speicherung vorgelegt.

Specker arbeitet sehr intensiv mit Mustern beziehungsweise deren Variationen. Die Nahaufnahme von Klaviertasten findet ihre Entsprechung ein paar Seiten weiter in dem von Menschenschatten strukturierten Zebrastreifen. In den Fassadendetails, den Pflastern und Fliesen finden sich analoge oder korrespondierende Strategien – magisch anmutende Überraschungen, die nur im Bildausschnitt, im „Fenster“ der Kamera, im Rahmen des Abzugs und der dadurch entstehenden Verdichtung derart konzis entstehen können.

Kühl dokumentiert

Herausgekommen ist dieses Buch mit den vielen, bei wiederholter Betrachtung sich stets variierenden, niemals geschwätzigen Geschichten ohne Worte. Die Dramaturgie dieser Geschichten übernehmen geheimnisvolle Lichtquellen und -brechungen, die dazugehörigen Schattenzeichnungen und Überblendungen. Eine große Rolle spielen die brutalen, in heroischer Untersicht aufgenommenen urbanen Fassaden, doch Specker beschreibt nicht und beklagt nicht die Unwirtlichkeit, die Realität einer hässlichen Stadtlandschaft. Sie dokumentiert kühl und distanziert, formt aus der Gegenüberstellung eine Partitur der Zeichen. Gesammelt und in einen zeitlosen Kontext gestellt von einer Vagabundin, der bloßes Flanieren bestimmt zu fad würde.

Etwa 20 der diesem Künstlerbuch (Heidi Specker: „re-prise. 110 photos de heidi specker“, Spector Books, 36 Euro) zugrunde liegenden Fotografien werden noch bis 6. März in der Pinakothek der Moderne in München gezeigt.